Nach dem Jahreswechsel flammt in Österreich erneut eine heftige gesellschaftliche Debatte um die sogenannten Silvesterknaller und privaten Feuerwerke auf. Traditionelle Brauchtumspflege und der Wunsch nach spektakulären Effekten treffen auf alarmierende Unfallzahlen, steigende Einsätze von Einsatzkräften, zunehmende Sachschäden und Forderungen von Umwelt-, Gesundheits- und Tierschutzorganisationen nach einem bundesweiten Verbot privater Feuerwerke.
Die jüngste Entwicklung: Innerhalb von nur drei Wochen haben mehr als 100.000 Menschen eine Petition der Initiative #aufstehn unterzeichnet, die ein österreichweites Verbot privater Feuerwerkskörper der Kategorie F2 und darüber fordert und sich direkt an Innenminister Gerhard Karner richtet. Damit wächst der Druck auf die Politik, nationale Regelungen zu schaffen, statt auf einen Flickenteppich regionaler Verbote zu setzen.
In der Presseaussendung, die den Stand der Unterstützer:innen am 5. Januar 2026 beziffert, heißt es, dass Schwerverletzte, Wohnungs- und Waldbrände sowie Millionenschäden durch Feuerwerkskörper auch in diesem Jahr zu beklagen gewesen seien. Die Initiator:innen sehen in der Silvesterknallerei nicht nur ein Sicherheitsrisiko, sondern auch eine Belastung für Mensch, Tier und Umwelt und fordern deshalb ein Verbot von Raketen, Batteriefeuerwerken oder lauten Fontänen für Privatpersonen.
Unfallzahlen, Verletzte und Risiken
Die Risiken, die mit Feuerwerkskörpern verbunden sind, werden von verschiedenen Stellen seit Jahren dokumentiert. Nach den jüngsten verfügbaren Daten des Kuratoriums für Verkehrssicherheit (KFV) müssen pro Jahr rund 200 bis 400 Menschen nach Unfällen mit Pyrotechnik im Krankenhaus behandelt werden. Etwa zwei Drittel dieser Verletzten gehören zur Altersgruppe von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen unter 24 Jahren – ein Umstand, der Expert:innen besonders besorgt macht.
In einzelnen Jahren zeigen Berichte aus Medien und der Exekutive, wie vielfältig und gravierend Unfälle sein können: In der Silvesternacht wurden mehrere Personen durch unachtsam oder unsachgemäß gezündete Feuerwerkskörper zum Teil schwer verletzt, darunter Jugendliche mit Teilamputationen, Verbrennungen oder Knalltraumata. Besonders tragische Einzelfälle wie ein 14-Jähriger mit teilamputierten Fingern oder ein Mann, der durch einen illegalen Knaller schwere Verletzungen erlitt, unterstreichen die Gefährdung.
Nicht alle Verletzungen werden offiziell erfasst: Ergänzende Angaben von medizinischen Verbänden wie der Österreichischen Ärztekammer gehen von bis zu etwa 1.000 Verletzten pro Silvesternacht und Jahreswechsel aus, wenn auch ein großer Teil der Behandlungen ambulant erfolgt.
Polizeieinsätze, Sachschäden und Belastung der Einsatzkräfte
Die Silvesternacht bedeutet für Polizei und Rettungskräfte jedes Jahr einen erheblichen Einsatz. Allein im jüngsten Jahreswechsel wurden über 9.100 pyrotechnische Gegenstände sichergestellt und tausende Anzeigen und Organmandate nach dem Pyrotechnikgesetz ausgestellt. Die Zahl der Sicherstellungen stieg im Vergleich zum Vorjahr um nahezu 100 % an, was die Schwierigkeiten der Exekutive im Umgang mit illegaler Pyrotechnik verdeutlicht.
Zudem meldete der Versicherungskonzern Wiener Städtische in früheren Jahren Schäden durch Feuerwerkskörper in Millionenhöhe: Allein in Wien belief sich der Schaden auf knapp 1,7 Millionen Euro, in Oberösterreich auf rund 500.000 Euro und in Niederösterreich auf mehr als 380.000 Euro. Diese Schäden entstehen nicht nur durch Verletzungen, sondern auch durch Brände an Gebäuden, Fahrzeugen und in der Infrastruktur.
Forderungen nach einem Verbot und politische Diskussion
In der aktuellen Debatte stellen Petitionen und Initiativen klar: Viele Menschen betrachten das traditionelle Feuerwerk nicht mehr als harmlosen Brauch, sondern als unnötiges Risiko. Die Petition von #aufstehn hat mehr als 100.000 Unterschriften gesammelt – ein deutliches Signal, dass der Ruf nach gesetzlicher Veränderung in der Bevölkerung wächst. Diese Initiative fordert konkret ein Verbot privater Feuerwerke ab Kategorie F2, zu der unter anderem Raketen, Batteriefeuerwerke und ähnliche pyrotechnische Gegenstände gehören, und richtet ihren Appell an den Innenminister.
Auch Tierschutz- und Umweltverbände fordern strengere Regeln: Sie weisen darauf hin, dass Feuerwerk nicht nur Menschen gefährdet, sondern auch Haustiere, Wildtiere und die Umwelt stark belastet. Der erhöhte Lärm versetzt Tiere in Panik, und Feinstaub sowie Schwermetalle aus Feuerwerkskörpern verschmutzen Luft und Boden über Wochen hinaus. Einige dieser Verbände haben eigene Petitionen gestartet, die über ein simples Verbot hinausgehen und öffentliche, feuerwerksfreie Silvester-Alternativen fordern.
Tradition, Brauchtum und Kritik
Auf der anderen Seite argumentieren Befürworter:innen der Silvesterknallerei oft mit Tradition und persönlicher Freiheit. Feuerwerk sei ein fester Bestandteil des Jahreswechsels, Teil der Feierkultur und Ausdruck kollektiver Freude. Diese Perspektive wird in Österreich längst nicht mehr einhellig geteilt, zumal die gesetzlichen Rahmenbedingungen ohnehin komplex sind: Zwar erlaubt das österreichische Pyrotechnikgesetz Gemeinden, generelle Verbote der Pyrotechnik im Ortsgebiet zu erlassen, jedoch halten sich viele Nutzer:innen nicht an diese Vorschriften, und illegale Feuerwerkskörper – oft importiert aus dem Ausland – sorgen für zusätzliche Probleme.
Ausblick
Die Debatte um ein Feuerwerksverbot ist kein rein österreichisches Phänomen. In mehreren europäischen Ländern haben ähnliche Initiativen und politische Diskussionen begonnen, oft begleitet von breiten gesellschaftlichen Debatten über Sicherheit, Umweltschutz und Brauchtum. In Österreich jedoch zeigt der aktuelle Trend deutlich: Der Wunsch vieler Bürger:innen, den Jahreswechsel ohne laute und gefährliche Knallkörper zu verbringen, wächst. Ob und wie die Politik auf diese Forderungen reagiert, wird sich in den kommenden Monaten zeigen.
Die Diskussion über ein Verbot privater Feuerwerke ist damit weit mehr als ein rein symbolisches Thema der Silvesternacht: Sie berührt Fragen nach öffentlicher Sicherheit, Jugend- und Verbraucherschutz, Umweltbelastung, aber auch nach dem Platz von Traditionen in einer sich wandelnden Gesellschaft.
Hier kann man die Petition unterzeichnen.
In eigener Sache: Wir arbeiten unabhängig von Parteien und Konzernen. Um unseren Fortbestand zu sichern, sind wir auf Abonnent*innen angewiesen. Bitte schließen Sie jetzt ein Abo ab und ermöglichen Sie damit unsere Berichterstattung. Danke!






