Reportage

    Preiszettel für die Natur

    In vielen Ländern ist man sich einig, dass Fördermittel für Wiederaufbau krisengebeutelten Wirtschaft auch intensiv in Umwelt- und Klimaschutz fließen müssen. Doch wie geht das? Kann sich die Natur behaupten?

    5/2/2021
    • International
    • Landwirtschaft
    • Artenvielfalt
    Preiszettel für die Natur

    Der ecuadorianische Ökonom Alberto Acosta plädiert dafür, die menschliche Gesellschaft nicht getrennt von der Natur zu sehen. So wie es die Menschenrechte gibt, soll auch die Natur ihre eigenen Rechte bekommen. Acosta entwickelte das Konzept des “Buen Vivir”, des “Guten Lebens”, bei dem eine solidarische und demokratische Lebensweise im Zentrum steht, ohne Natur und Menschen auszubeuten. Acostas Theorie, die 2008 in die Verfassung Ecuadors eingebracht wurde, zielt auf “Degrowth” ab. Vor allem in der nördlichen Hemisphäre, so der Wirtschaftswissenschaftler, sei kein Raum mehr für Wachstum. 
     
    Zwischen Wachstum und Degrowth
     
    Während in der Debatte um “Degrowth” Umweltschutz meist als moralische Verpflichtung dem Planeten und den nachfolgenden Generationen gegenüber gesehen wird, argumentieren manche Wissenschaftler, man solle doch ganz pragmatisch den Marktwert der Umwelt berechnen. Eine solche Bepreisung hätte zur Folge, dass die Umwelt auch von Wirtschaftstreibenden und Gesetzgebern als schützenswert angesehen würde. Vorreiter auf diesem Gebiet ist Lars Hein, Professor an der Universität Wageningen in den Niederlanden. Er hat an der Entwicklung des UNO-Systems der umweltökonomischen Gesamtrechnungen mitgearbeitet, das darauf abzielt, die Zusammenhänge von Umwelt und Wirtschaft zu erfassen und international vergleichbar zu machen. 
     
    “Manche Leistungen der Natur sind ganz einfach zu messen,” erklärt Lars Hein, “die Natur liefert uns Produkte wie Holz oder Fisch. Die Fruchtbarkeit des Bodens jedoch, das Vorhandensein von Wasser, oder die Bestäubung durch Insekten sind schwieriger zu erfassen. Wenn man weiß, wieviel die Dienstleistungen der Natur wert sind, dann kann man auch die Folgen von Veränderungen in der Natur für die Wirtschaft bewerten.” Dabei geht es um Entscheidungen, wie etwa ob es sich wirtschaftlich tatsächlich auszahlt, ein Stück Wald für den Bau einer neuen Straße zu fällen, oder ein Moor trocken zu legen, um neue Agrarflächen zu schaffen.
     
    Der Wert der Insekten
     
    Die Niederlande sind Pioniere im Berechnen des Werts der Umwelt. Lars Hein hat dort landesweit unter anderem die Lebensräume, die für Pflanzenbestäubung notwendig sind, minutiös vermessen: “Das kann man wirklich in Geld ausdrücken. Wir brauchen dafür natürlich sehr viele Daten und haben Karten erstellt, die die Nutzung unserer Landschaft bis ins kleinste Detail abbilden. Darin verzeichnen wir sogar Landschaftselemente, deren Größe lediglich wenige Meter beträgt.” So zeigt Hein auch die Bedeutung der Hecken für die Bestäubungsleistung der Insekten auf. Ein Trugschluss sei es, Felder zu arrondieren und ganz auf Hecken zu verzichten, um größere und vermeintlich ertragreichere Flächen zu erhalten. Die Landkarten verzeichnen, welche Obstbäume von welchen Insekten bestäubt werden, und aus welchen Büschen diese Insekten wiederum kommen. Heins Team berechnete, um wie viel der Ertrag aus der Obstproduktion zurückginge, wenn nun diese Insekten aussterben würden: “Daran kann man einen Preiszettel hängen,” führt Lars Hein aus. “In den Niederlanden beträgt der Wert der Dienstleistung Bestäubung € 360 Millionen pro Jahr.” 
     
    Die Wissenschaftler betrachten den Wert von Ökosystemen für den Menschen aus der Perspektive eines Buchhaltungssystems: “Wieviel kommt herein, was ist die Regeneration von Ökosystemen wert, was verwenden wir davon, was wird ausgegeben? Wir beurteilen Ökosysteme also auf dieselbe Weise wie Bankkonten,” so Hein.
     
    Ökosysteme als Dienstleister 
     
    In Österreich forscht Elisabeth Schwaiger vom Umweltbundesamt zur Bewertung der Natur.
    Seit einigen Jahren beschäftigt auch sie sich intensiv mit dem Thema der Ökosystemleistungen, den Dienstleistungen, die die Natur unserer Gesellschaft und unserer Wirtschaft zur Verfügung stellt. “Der Wert der Natur bleibt oft verborgen, weil Ökosystemleistungen scheinbar unbegrenzt und gratis sind,” so Schwaiger. “Das ist auch der Grund, warum sie häufig nicht in gesellschaftspolitischen und wirtschaftlichen Entscheidungen berücksichtigt werden.” 
    Langsam kommt hier jedoch etwas in Bewegung. “Mittlerweile hat das Konzept der Ökosystemleistungen auf politischer Ebene Eingang in die Diskussionen gefunden, zum Beispiel hat die aktuelle EU-Biodiversitätsstrategie sich das Ziel gesetzt, den Zustand der Ökosysteme und der Ökosystemleistungen in den Mitgliedsstaaten darzustellen, zu bewerten und den wirtschaftlichen Wert derartiger Leistungen zu prüfen und in nationale Statistiken aufzunehmen.”
     
    In diesem Zusammenhang verweist Elisabeth Schwaiger auch auf das Beispiel des Waldes, der einen großen Teil der Fläche Österreichs bedeckt. Vom Wald gehen eine Reihe von Ökosystemleistungen aus. Neben der Holzproduktion ist der Wald ein
    wichtiger Kohlenstoffspeicher. Er hat somit eine CO2 senkende Funktion und leistet einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz. Der Wald hat aber auch eine wichtige Schutzfunktion, vor Lawinen im Gebirge beispielsweise, oder vor Überschwemmungen, im
    Fall von Auwäldern. Auch auf seine Erholungsleistung hin kann der Wald bewertet werden.
     
    Eigene Rechte für die Natur
     
    Aber nicht jeder hält es für eine gute Idee, der Umwelt einen Preiszettel zu verpassen. Alberto Acosta, geistiger Vater der wirtschaftlichen Theorie des “Buen Vivir”, ist strikt dagegen, die Natur als Ware zu betrachten. Wirtschaftliche Ziele müssten vielmehr den Regeln der Natur unterworfen werden. Die Natur dürfe nicht als ein Objekt betrachtet werden, an dem Eigentum geltend gemacht werden kann, sondern vielmehr als ein eigenständiges Subjekt, mit eigenen unabdingbaren Rechten.
     
    Lars Hein und Elisabeth Schwaiger betonen, dass man den wirtschaftlichen Wert der Natur auf keinen Fall von ihrem intrinsischen Wert, dem Gefühlswert, welchen man ihr zuspricht und der nicht in Geld auszudrücken ist, loslösen solle. Wirtschaftliche Argumente können aber unterstützend wirken in Hinblick auf den Schutz von Ökosystemen. “Wenn die Menschen nicht wissen, welchen finanziellen Beitrag Insekten mit der Bestäubung für die Wirtschaft leisten, oder Wälder für das zur Verfügung stellen von Trinkwasser, dann wird dieser Wert im politischen Entscheidungsprozess mit Null festgelegt,” so Hein. Es gilt also aufzuzeigen, dass Ökosysteme auch einen hohen wirtschaftlichen Wert darstellen. Und dieser Wert wird immer höher, je knapper unsere natürlichen Ressourcen werden.

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