Meinung

    Van Melle: "Die Menschen brauchen einheimisches Saatgut"

    Sortenvielfalt sei nur mit zivilgesellschaftlichem Engagement möglich, so Barbara van Melle im oekoreich-Gespräch mit Heike Hausensteiner. Die renommierte ehem. Journalistin ist erfolgreiche, der Biodiversität verpflichtete, Unternehmerin.

    5/14/2021
    • Ernährung
    • Artenvielfalt
    • Österreich
    Van Melle: "Die Menschen brauchen einheimisches Saatgut"

    Ökoreich: Frau Van Melle, Sie waren u.a. viele Jahre aktiv bei Slow Food Wien, jetzt sind Sie sehr erfolgreich als Brotback-Initiatorin von Kruste & Krume. Was alles an Artenvielfalt in Österreich konnten Sie dadurch reaktivieren?

    Barbara van Melle: Das Älterwerden hat auch etwas Positives. Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre haben Waldviertler LandwirtInnen Erdäpfel wieder eingeackert, weil sie unbekannt waren und niemand kaufen wollte. Niemand interessierte sich für Biodiversität. Damals gab es die ersten Pioniere, auch bei Paradeisern und Getreide. Dann hat die Artenvielfalt ein bisschen an Fahrt aufgenommen. Slow Food war dabei ein Baustein, wir haben die Arche des Geschmacks ins Leben gerufen. Zum Beispiel das Waldviertler Waldstaudenkorn oder den Lungauer Tauernroggen.
    Nur: Bei der Non-Profit-Tätigkeit fehlt der Link zur Wirtschaftlichkeit und Vermarktbarkeit. Also wie kommen Menschen, die an dieser Biodiversität interessiert sind, an die Produkte? Wir haben auch die Kirschen im Burgenland vernetzt, und diese gesamte Vernetzungsarbeit hat in mein heutiges Engagement bei Kruste & Krume gemündet – das einzige Spezialgeschäft für Mehl und Getreide, wo man diese alten Getreidesorten wie Laufener Langweizen, Schlägler Roggen online bestellen oder in der Greißlerei abholen kann.

    Ökoreich: Warum sind diese alten Sorten so wichtig?

    Van Melle: Durch die industrialisierte Landwirtschaft sind in den letzten hundert Jahren in Europa 75 Prozent der Artenvielfalt auf Äckern, in Gärten und im Handwerk verloren gegangen. Es geht nicht um rückwärts gewannte Romantik. Sondern die Menschen brauchen autochthones, also einheimisches, Saatgut, das an die geänderten Klima- und Bodenbedingungen angepasst ist! Und in südlichen Gebieten ist es noch viel dramatischer, wenn sich Saatgutkonzerne breit machen. Ich gehöre zu jenen, die das Heil nicht in der Gentechnik und in der Konzentration sehen. Aber es ist die kleinräumige, biologische Landwirtschaft, die den Menschen das Überleben retten wird.

    Ökoreich: Politik hat offenbar gegenüber der Dominanz von Wirtschaft versagt. Heißt das, Sortenvielfalt ist nur mit zivilgesellschaftlichem Engagement möglich?

    Van Melle: Bedauerlicherweise glaube ich das schon, ja – das braucht es nach wie vor. Jetzt überblicke ich schon einen langen Zeitrahmen. Ich habe bei Slow Food um politische MitstreiterInnen geworben, das hat mich immer gestört: Wir tun etwas wahnsinnig Wichtiges, powern uns nur aus für Dinge, die uns alle angehen, sind aber in einer Position der BittstellerInnen nach SponsorInnen und UnterstützerInnen. Auf dieser Ebene geht nichts weiter. Ich wollte beweisen, dass das, was wir tun, nicht nur von Spenden und von einigen Beseelten abhängen muss. Sondern es gibt das reale Interesse der Menschen daran.

    Ökoreich: Kehren die Menschen durch die Pandemie zurück zu den Wurzeln?

    Van Melle: Das war schon vergangenes Jahr ganz stark zu merken, unser Online-Shop ist explodiert! Nachdem jahrelang „zurück zu den Wurzeln“ plädiert wurde, kochen die Leute jetzt wie verrückt, Miele und Kenwood kommen mit dem Liefern von Backrohren und Küchenmaschinen nicht nach. Klar, die Leute sind zu Hause, die Restaurants sind zu, und irgendwann gehen einem die Lieferdienste auf die Nerven.

    Ökoreich: Haben Sie eine persönliche reaktivierte Lieblingssorte?

    Van Melle: Das sind für mich der Lungauer Tauernroggen und Laufener Landweizen und natürlich die Urgetreidesorten wie Waldstaudenkorn oder Einkorn, eine der ältesten je kultivierten Getreidearten, oder Emmer, ein Vorfahre des heutigen Hartweizens. Für mich sind diese alten Getreidesorten am bereicherndsten, weil ich damit auch backe und ganz viel backe und du unglaublich tolle Brote machen kannst.




    Barbara Van Melle ist begeisterte Brotbäckerin, Journalistin, Autorin, Unternehmerin und Leiterin von Slow Food Wien. Sie war 25 Jahre als Gestalterin und Moderatorin für zahlreiche TV Formate des ORF tätig. Die Arbeit am Buch „Der Duft von frischem Brot“, das zum Bestseller wurde, machte sie zur leidenschaftlichen Hobbybäckerin und inspirierte sie darüber hinaus dazu, sich aktiv für das österreichische Bäckerhandwerk einzusetzen. 2016 organsierte sie erstmals das „Kruste&Krume Brotfestival“, das seither jährlich stattfindet, handwerkliche Bäckerinnen und Bäcker aus dem In- und Ausland eint und zum Publikumserfolg wurde. 2017 gründete sie die Kruste&Krume GmbH und eröffnete 2018 das erste Wiener Brotbackatelier.

    oekoreich möchte ein bestmögliches Onlineangebot bieten. Hierfür werden Cookies gespeichert. Weil uns Transparenz wichtig ist können Cookies und die damit verbundenen Funktionalitäten, die nicht für die Grundfunktion von oekoreich notwendig sind, einzeln erlaubt oder verboten werden.
    Details dazu findest du in unserer Datenschutzerklärung. Dort kannst du deine Auswahl auch jederzeit ändern.