Reportage

      Mit grüner Gewalt

      Im Globalen Süden werden Indigene und Bäuer*innen bei der Einrichtung von Schutzgebieten vertrieben und drangsaliert. Ein Festungsnaturschutz spielt Menschen und Natur gegeneinander aus. Eine Reportage von Kathrin Hartmann aus Indonesien.

      6/22/2021
      • International
      Mit grüner Gewalt

      Das Foto sieht aus, als wäre es aus dem kolonialen Erinnerungsalbum der Royals gefallen. Es zeigt Prinz Charles, der im antiquierten Tropenanzug malerisch zwischen exotischen Bäumen auf der indonesischen Insel Sumatra steht. 2008 pflanzte der Sohn der britischen Königin dort in der Provinz Jambi einen Baum, den ersten für den den Hutan Harapan, den „Wald der Hoffnung“. Es ist einer der letzten Tieflandregenwälder Sumatras, der aufgeforstet und geschützt werden soll. Hier endet das schöne grüne Märchen. Denn am selben Tag beginnt eine Geschichte von Gewalt und Unterdrückung. Eine des grünen Kolonialismus.
       
      Als Prinz Charles unter Blitzlichtgewitter den Setzling in die Erde bringt, baut Pak Pauzi nicht weit davon ein Haus. Er gehört zum Stamm der Batin Sembilan, seit Generationen jagten und fischten sie hier, pflanzten Obstbäume, Gemüse und Reis. Sein Haus ist noch nicht fertig, da verlangen Militärs, dass er es abreißt und verschwindet. Im Namen des Naturschutzes ist es ihm verboten, das Land, das ihm per Gewohnheitsrecht gehört, traditionell zu nutzen. Pak Pauzi flieht mit der Familie, doch bald kehren sie zurück: Für sie und mehrere Tausend Indigene und Kleinbäuer*innen ist hier der letzte Rückzugsort. Denn der Wald der Hoffnung ist eine kleine Insel in einem gigantischen Meer aus Palmölplantagen.

      Das Zuhause der Indigenen wurde für sie zur "No Go Area"
       
      In Jambi, wo sich die Hälfte des Hutan Harapan befindet, ist für diese Monokulturen fast die Hälfte des Urwalds vernichtet worden. Im heutigen Schutzgebiet hatte bis 2007 die Papierfirma PT Asialog die Lizenz zum Holzeinschlag. Der „Wald der Hoffnung“ ist ein Projekt für die Wiederherstellung von Ökosystemen. Es wurde von der Royal Society for the Protection of the Birds, Birdlife International Naturschutzbund und Burung Indonesia entwickelt. Das deutsche Umweltministerium unterstützt das Projekt mit 7,5 Millione Euro. Wald ist in Indonesien Staatsbesitz. Das Forstministerium vergibt Lizenzen für die Nutzung und führte 2004 die Lizenz zur Ökosystem-Restaurierung für private Organisationen und Unternehmen ein. Für den Hutan Harapan wurde sie an die indonesische Firma PT Restorasi Ekosistem Indonesia (PT Reki) vergeben. Sie beinhaltet, dass keine Bäume mehr gefällt werden dürfen und die Umwandlung in landwirtschaftliches Land verboten ist. Das wurde den Indigenen und Kleinbäuer*innen, die dort leben, zum Verhängnis: es machte ihr Zuhause zur „No Go Area“.

      Indigene Gemeinschaften werden kriminalisiert und drangsaliert


      Im Juni 2014 warte ich im Büro der Menschrechtsorganisation CAPPA in Jambi auf Matsamin. Er gehört den Batin Sembilan an und wohnt im gleichen Dorf wie Pak Pauzi im Schutzgebiet. Ich kann ihn dort nicht besuchen, das Gelände ist abgeriegelt. Atemlos betritt Matsamin schließlich den Raum. Er ist unfassbar wütend. „Es ist wie im Gefängnis“, wettert er. Jeden Tag kämen Leute ins Dorf, um sie zu kontrollieren. „Wir dürfen keine Reisfelder anlegen, sonst kommen wir ins Gefängnis. Für alles, was wir auf unserem Land tun, müssen wir um Erlaubnis fragen.“ Tatsächlich ist das eine ungeheuerliche Täter-Opfer-Umkehr: während die Palmöl-, Holz- und Papierindustrie, die für den gigantischen Verlust von Wäldern verantwortlich ist, ihr Zerstörungswerk weiterhin unbehelligt fortsetzen darf, werden indigene Gemeinschaftem wie die Batin Sembilan kriminalisiert und drangsaliert. Dabei waren sie es, die den Wald über Generationen so genutzt haben, dass er heute samt seiner schützenswerten Artenvielfalt noch existiert.

      Triefend von westlicher Arroganz und Ignoranz
       
      80 Prozent der biologisch vielfältigsten Gebiete der Erde sind Heimat Indigener. Die westliche Vorstellung von „unberührter Natur“ hat in den vergangenen 100 Jahren geschätzte 130 Millionen von ihnen zu Naturschutzflüchtlingen gemacht. Für die Errichtung menschenleerer Nationalparks wurden sie umgesiedelt oder gewaltsam vertrieben. Erst 2007 verabschiedeten die Vereinten Nationen die Erklärung zur Anerkennung der Rechte indigener Völker. Seither haben westliche Naturschutzorganisationen wie Birdlife International, Conservation International oder WWF, die an der Errichtung von Schutzgebieten beteiligt sind, „Gemeindeprojekte“. Auf ihren Homepages sieht man neben den Fotos von Urwaldriesen und tropischen Vögeln auch solche von strahlenden Indigenen bei der Bastelarbeit.

      Die Batin Sembilan, hieß es bei Birdlife International, könnten im Hutan Harapan „Aspekte ihres waldabhängigen Lebensstils“ behalten, das Projekt verbessere ihr Einkommen mit „grünen Jobs“. Das trieft nicht nur von westlicher Arrroganz und Ignoranz, es ist außerdem zynisch: wenn Indigene ihr Land nur noch eingeschränkt nutzen dürfen, müssen sie Lebensmittel kaufen. Aber das Geld, das sie mit „Grünen Jobs“ verdienen, reicht dafür nicht. Sie dürfen Dinge verkaufen, für die man keine Bäume fällen muss, Honig oder Produkte aus Rattan. Oder sie ziehen in Baumschulen Setzlinge für die Aufforstung auf. Pro Stück bekommen sie laut CAPPA sieben Cent und verdienen im Schnitt 70 Euro im Monat.

      Menschen werden zwischen Palmölboom und neokolonialem Festungsnaturschutz zerrieben

       
      Ihnen bliebe nichts übrig, als sich auf den Palmölplantagen zu verdingen oder Ölfrüchte zu klauen, sagt Matsamin. Sein Dorf grenzt an die Monokultur der Firma PT Asiatic Persada. Vor 30 Jahren hatte die Firma dort begonnen, auf einer Fläche eineinhalb so groß wie München Wald zu vernichten und Ölpalmen zu pflanzen. Polizei und Militär vertrieben die Indigenen von ihrem Land, walzten ihre Hütten platt und schossen auf sie. Im März 2014 misshandelten Militärs und Firmensecurity sieben Männer schwer, einer von ihnen, Puji, starb. Im Juni 2014 besetzten Hunderte Indigene die Plantage. Um zu überleben, jagten sie wiederum im geschützten Hutan Harapan. So werden Menschen zwischen Palmölboom und neokolonialem Festungsnaturschutz zerrieben. „Es ist ein Ökosystem-Syndikat, das unsere Welt in Nationalparks und Plantagen aufteilt, und die Bevölkerung bleibt außen vor, wir sind die Verlierer und werden einfach ignoriert“, sagt der indonesische Aktivist Feri Irawan, der die Indigenen in ihrem Kampf um ihr Land unterstützt hat.

      70 Prozent der Wälder werden von Konzernen kontrolliert
       
      Beide gründen in der Wachstums- und Klimapolitik der reichen Länder des Nordens. Um ihren CO2-Ausstoß zu senken, setzte die Europäische Union auf Biosprit. Allein die Ankündigung dieser Strategie hatte für einen Abholzungboom für Palmöl in Indonesien gesorgt und das Land zum drittgrößten CO2-Emittenten der Welt gemacht. Schutzprojekte bedeuten jedoch kein Ende der Palmöplantagen, sie sollen sie nur ausgleichen. Obendrein sollen sie dem reichen Norden als Abalsshandel dienen, wenn solche Schutzgebiete in den Emissionshandel einbezogen werden.

      5.000 ungelöste Landkonflikte gibt es in Indonesien


      Während dieser sich weigert, real Emissionen einzusparen, wird die lokale Bevölkerung im Globalen Süden, die heute schon unter den Folgen der Erderwärmung leidet, zum Tatortreiniger des Klimwandels. Wenn für Indigene und Kleinbauern aber nur Platz ist, wenn sie sich in Wertschöpfungsketten von Schutzprojekten zwängen lassen, führt das zu Konflikten: in Indonesien werden 70 Prozent der Wälder und des Agrarlandes von Konzernen kontrolliert, Nationalparks und Wälder, die für Restaurierung vorgesehen sind, bilden fast den ganzen Rest. Demgegenüber stehen etwa 50 Millionen Indigene, die von den Wäldern abhängig sind, und 50 Millionen Landlose Kleinbauern. Rund 5000 ungelöste Landkonflikte gibt es deshalb in Indonesien.

      Firmen, die ungeschoren mit Naturzerstörung davonkommen
       
      Im Büro von CAPPA liegen Fotos auf den Tisch. Sie zeigen bewaffnete Polizisten, Bulldozer, protestierende Menschen und ein brennendes Haus. Im Dezember 2012 rückte in Sungaj Jerat eine Hundertschaft von Polizisten mit Bulldozern an, schüchterte Bauern ein und brannten das Haus des Bauernführers nieder. Das Dorf liegt im Teil des Hutan Harapan, den PT Asialog 2003 verwüstet hinterließ. Hier siedelten sich rund 2000 Landlose an, viele sind Mitglieder von Serikat Petani, dem indonesischen Zweig der Kleinbauernbewegung La Via Campesina. Für PT Reki sind sie „Eindringlinge“ und „Holzdiebe“, die nach Projektbeginn kamen und Wald zerstört hätten. Das mag sogar sein. Jedoch: die überwältigende Anteil der Zerstörung von Regenwald und Torfböden wurde von großen Firmen begangen. Sie kommen ungeschoren davon.
       
      Heute, nach vielen Jahren mühsamer Verhandlungen, ist zwar der Landkonflikt weitgehend beigelegt. Doch jetzt ist der Hutan Harapan selbst in Gefahr: denn die indonesische Regierung will eine Straße durch den Tieflandregenwald genehmigen, die diesen, die Habitate der Waldelefanten und die Gebiete der Indigenen, die sich ihr Bleiberecht dort hart erkämpft haben, zerstückelt. Darauf sollen LKWs künftig Kohle transportieren.

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