oekoreich: Viele Menschen machen sich, jedenfalls in Mitteleuropa, im Jahr 2021 Sorgen über die zunehmende Versiegelung und Verbauung von Boden – teilen Sie diese Sorgen?
Benjamin Davy: In Deutschland sank die Wachstumsrate der Siedlungs‑ und Verkehrsfläche zwischen 2000 und 2018 von über 120 Hektar auf 56 Hektar pro Tag. Dadurch wird zwar noch immer nicht das 30-Hektar-Ziel erreicht (das sich die deutsche Bundesregierung im Rahmen der Nationalen Nachhaltigkeitsstrategie gesetzt hatte, Anm.), aber die Richtung stimmt. Sorgen bereitet mir allerdings die Qualität des neuen Baulands. Zu häufig werden städtebaulich bedeutsame und ökologisch wertvolle Flächen für den Einfamilienhausbau gewidmet. Das ist Raumplanung für die Ober‑ und Mittelschicht, keine „sozialgerechte Bodennutzung“, wie sie § 1 des Baugesetzbuchs fordert. Selbst wenn die Baugrundstücke nicht mit 1.000 Quadratmetern Hausgarten versehen werden, sind Einfamilienhäuser keine effiziente Siedlungsform.
Und wenn wir schon von Gärten und Sorgen reden: Sorge bereitet mir, dass Insekten und Singvögel in der Stadt immer weniger ökologische Nischen finden, weil pflegemüde EigentümerInnen statt Sträuchern und Blumenbeeten die doch sehr leblosen Kiesfelder bevorzugen. Man sollte diese Kiesfelder bei der Berechnung der Grundflächenzahl (GRZ) einbeziehen. Dazu müsste allerdings die Baunutzungsverordnung geändert werden.
„Insekten & Singvögel finden immer weniger ökologische Nischen in der Stadt“
Benjamin Davy, Universitätsprofessor für Bodenpolitik in Dortmund und Wien, urgiert eine „sozialgerechte Bodennutzung“. Bei Baulandwidmungen, Autobahnabfahrten oder öffentliche Grünflächen stelle sich immer die Frage nach Gerechtigkeit.
7/5/2021- Umwelt
- Landwirtschaft

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