Reportage

    Europas Holzhunger bedroht die Artenvielfalt

    Wälder stehen unter Druck: Sie sollen für Biodiversität sorgen, CO2 speichern und Holz als Rohstoff liefern. Eine Reportage von Linda Osusky, die zeigt, wie Menschen in Rumänien die Abholzung erleben.

    5/18/2021
    • Artenvielfalt
    • Umwelt
    • International
    Europas Holzhunger bedroht die Artenvielfalt

    Jeden Tag fahren mindestens fünf Zugwaggons voll beladen mit Holzstämmen durch Curtici, einem kleinen Ort an der rumänisch-ungarischen Grenze. Nicole A., , die ihren Namen nicht öffentlich machen möchte, setzt sich gegen Abholzung und für den Erhalt der rumänischen Wälder ein. Bürger und Bahnmitarbeiter schicken ihr Fotos und Videos, auf denen sie Holztransporte oder illegale Rodungen dokumentieren. Das teilt sie dann über soziale Medien. „Holz aus Polen kommt über die Ukraine und das aus der Slowakei kommt über Ungarn nach Rumänien“, erzählt die Umweltschutzaktivistin. Zieldestination der Holzstämme sind laut A.unter anderem die in Rumänien angesiedelten Holzwerke der österreichischen Holzbarone Egger, HS Timber und Kronospan. Sie vermutet, unter diesen Lieferungen könnte sich auch das Holz aus dem slowakischen Vogelschutzgebiet Muranska planina - Stolica befunden haben, wo der österreichische Unternehmer Leopold Pfeffer in den Jahren zwischen 2014 und 2018 großflächig gerodet hat.
     
    Dieser Kahlschlag hat den Lebensraum des streng geschützten Auerhuhns stark dezimiert. In der gesamten Slowakei leben kaum mehr 1000 Individuen des Waldvogels. „Mittlerweile sind im Gebiet Stolica von ursprünglich 2500 Hektar weniger als 1000 Hektar Wald übrig“, berichtet Tomaš Il’ko, Zoologe im Nationalpark Muranska planina. Wie ist es möglich, dass in einem Schutzgebiet über Jahre hinweg Bäume für wirtschaftliche Zwecke gefällt werden können? Gesetzlich sind Rodungen selbst in Schutzgebieten wie Nationalparks möglich, wenn es zu Sturmschäden oder Borkenkäferbefall kommt. Sanitärhieb heißt das in der Fachsprache. Der Sanitärhieb wird von manchen gnadenlos ausgenützt. „Im Fall von Herrn Pfeffer steht der Verdacht im Raum, dass er unter dem Vorwand eines Sanitärhiebs auch gesunde Bäume und etwa 400 Hektar inklusive des Auerhahnbiotops rodete“, so Il’ko weiter, der sich auf Augenzeugenberichte von Nationalparkmitarbeitern und Anwohnern stützt. Kahlschläge wie im Nationalpark Muranska planina-Stolica sind kein Einzelfall und die EU verwarnte die Slowakei in der Vergangenheit deswegen bereits mehrmals.
     
    Anfang Juli 2020 verklagte die Europäische Kommission schließlich die kleine Republik vor dem Europäischen Gerichtshof, weil sie die EU-Vogelschutzrichtlinie nicht ausreichend umsetzt. Die slowakischen Steuerzahlern könnte deswegen eine deftige Strafe in Millionenhöhe drohen. Das Verfahren dauert bis zu zwei Jahre. Der slowakische Umweltminister Jan Budaj, seit März 2020 im Amt, zeigt sich kooperativ. Er wolle alle gesetzlichen Möglichkeiten schaffen, um die Auerhühner im Land zu retten, versprach Budaj als Reaktion auf die Klage. Nötig wäre etwa eine höhere Einstufung der Schutzgebiete, die jeglichen Eingriff im Wald verbieten würde, erklärt Dušan Karaska, Leiter der staatlichen Umweltschutzbehörde. Derzeit betrifft das weniger als vier Prozent aller Waldflächen. „Zehn Prozent wären wünschenswert“, so Karaska.

    Ein Viertel vom Holz wird einfach verheizt
     
    Doch in der Zwischenzeit geht der Raubbau an der Natur weiter. Die Slowakei gehört zu den Ländern mit dem höchsten Risiko für illegale Rodungen, heißt es in einem Bericht des Instituts für Umweltpolitik. Als Problem macht der Autor Sanitärhiebe und Korruption bei der Vergabe von Genehmigungen aus. Ein WWF-Bericht von 2005 schätzt, dass zehn Prozent aller slowakischen Holzprodukte unklarer Herkunft waren. In der offiziellen Statistik wird Holz aus illegalen Quellen gar nicht berücksichtigt, dabei gehört laut Polizei Holzdiebstahl zum häufigsten Umweltverbrechen.
     
    Und der Hunger nach Holz ist in Europa und der ganzen Welt groß. In den vergangenen 20 Jahren ist die Holzernte in der EU um fast ein Viertel gestiegen. Tendenz steigend. Einer der Gründe für die steigende Nachfrage nach Holz ist die EU-Richtlinie über Erneuerbare Energien. 2019 ging fast ein Viertel der Rundholzproduktion in die Energie, das heißt, das Holz wird einfach verheizt. Experten und Umweltschutzorganisationen kritisieren, dass diese Richtlinie Holz als Energiemittel fördert. Bird Life Europe etwa sieht dadurch das Klima und die Biodiversität der Wälder in Gefahr. Doch auch weil Holz als Alternative für Plastik und weniger naturnahe Stoffe herhalten muss, steigt die Nachfrage. Schließlich gilt Holz als nachwachsender Rohstoff.

    So wurde zwischen 2016 und 2018 um fast 50 Prozent mehr Holz geerntet als im Vergleichszeitraum 2011-2015.


    Derzeit bastelt die EU bastelt im Rahmen des Green Deal an einer neuen Waldstrategie. Wälder sind nämlich wichtige CO2-Speicher. Sie helfen nicht nur die Klimaziele zu erreichen, sondern reinigen Luft und Wasser. Die Kommission will daher Wälder erhalten, verbessern und ihre Fläche vergrößern. Außerdem sind Wälder entscheidend für die Artenvielfalt, denn obwohl ihre Fläche weltweit 30 Prozent ausmacht, beherbergen sie 80 Prozent der Biodiversität. Die EU-Biodiverstitätsstrategie sieht daher vor, dass 100 Prozent aller naturnahen, alten Wälder geschützt werden sollen. Davon ist man nicht nur in der Slowakei weit entfernt. In Deutschland sind aktuell nur 0,2 Prozent der Naturwälder vor menschlichen Eingriffen geschützt.  
     
    Europa zählt zu den waldreichsten Regionen weltweit. Die Waldfläche aller EU-Staaten zusammen macht 158 Millionen Hektar aus, was 39 Prozent der Gesamtfläche entspricht. Laut der FAO, der UN-Organisation für Ernährung, wächst die Waldfläche in der EU im Durchschnitt jährlich um eine halbe Million Hektar – eine Fläche so groß wie Österreich, die Slowakei und Slowenien zusammen. Betont wird von den staatlichen Stellen der EU-Mitgliedsstaaten, dass die Forstwirtschaft nachhaltig ist und für die Erneuerung der Wälder sorgt. Alles gut also?
     
    Die EU-Kommission räumt ein, dass Europas Wälder unter Druck stehen und identifiziert den Klimawandel und die wachsende Nachfrage nach Holz als Problem. Dennoch soll der Wald auch wirtschaftliche Interessen erfüllen. Das sehen Naturschützer kritisch. Die Frage ist, ob sich Waldschutz und wirtschaftliche Nutzung von Wäldern ausgehen können. Wirtschaftswälder bestehen meist aus schnellwachsenden Nadelbäumen, insbesondere Fichten, die besonders stark unter dem Klimawandel leiden, was sie auch anfälliger für Borkenkäferbefall macht. Naturwälder sind demgegenüber widerstandsfähiger und speichern mehr CO2.

    Satellitenbilder decken sich mit Wahrnehmung von Bürgern
     
    Für Alarm sorgt zudem eine Studie, die einen Tag vor der Kommissionsklage gegen die Slowakei im Magazin Nature veröffentlicht wurde. Ein wissenschaftliches Team um Guido Ceccherini von der Gemeinsamen Forschungsstelle der EU-Kommission analysierte Satellitenbilder von 2004 bis 2018. Die Forscher stellten dabei ab 2016 eine abrupte Zunahme von Rodungen fest. So wurde zwischen 2016 und 2018 um fast 50 Prozent mehr Holz geerntet als im Vergleichszeitraum 2011-2015. Der Verlust an Biomasse stieg sogar um knapp 70 Prozent an. Besorgniserregend ist auch eine weitere Beobachtung der Forschergruppe. DieSatellitenbilder zeigen, dass die jeweils gerodeten Flächen in diesem Zeitraum im Schnitt um 34 Prozent größer sind. Das habe Auswirkungen aus Biodiversität, Bodenerosion und Wasserregulation.
     
    Die Analysen aus den Satellitenbildern decken sich eher mit der Wahrnehmung aufmerksamer Bürger verschiedener Länder, etwa Estland oder Rumänien, die eine Zunahme an Rodungen beobachtet haben wollen. Diese Beobachtungen decken sich aber nicht unbedingt mit den offiziellen Zahlen. Statistiken zur Holzernte seien meist nicht aktuell, denn Waldinventuren fänden oft nur alle fünf bis zehn Jahre statt, und die Zahlen auf denen Schätzungen basieren, werden nicht immer aktualisiert oder seien unvollständig, betont Ceccherini in dem Artikel.
     

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