Meinung

    Doppelinterview ÖVP & Grüne: „Jemand zahlt immer die Kosten fürs Billigfleisch!“

    Die Herkunftskennzeichnung in der Gastronomie ist ein großes Streitthema - auch innerhalb der Koalition gibts unterschiedliche Ansichten. Das große oekoreich-Doppelinterview mit NR Barbara Nessler (Grüne) & NR Josef Hechenberger (ÖVP).

    6/7/2021
    • Ernährung
    • Österreich
    Doppelinterview ÖVP & Grüne: „Jemand zahlt immer die Kosten fürs Billigfleisch!“

    Die Österreicher haben ihre Wirtshäuser zurück. Endlich wieder auswärts Schmankerln aller Art genießen! Man gönnt sich ja sonst nichts. Doch ums Schnitzerl außer Haus gibt es wieder Bröseln: Wo kommt es her, und wird der Konsument darüber in Kenntnis gesetzt? Interessierte Konsumenten erfahren oft auch auf Nachfrage nicht, woher die Zutaten stammen.  oekoreich hat im Gespräch mit den Abgeordneten Barbara Nessler (Grüne) und Josef Hechenberger (ÖVP) nachgefragt, wie nah dran die Regierungsparteien derzeit an einer verpflichtenden, transparenten Kundeninformation sind.
     
    Die beiden Tiroler Nationalratsabgeordneten aus dem Westen sind von Kindesbeinen an ganz nah dran an der Thematik Tierwohl und Gastfreundschaft. Im Heiligen Land kann man Landwirtschaft und Tourismus besonders schwer trennen. Fluch und Segen zugleich – und aktuell eine einmalige Chance. Wie stehen die Parlamentarier zur Forderung, die Herkunft von Fleisch, Milch und Eiern in der Gastronomie verpflichtend zu kennzeichnen?

    Auf der Speisekarte könnten jederzeit alle Angaben vermerkt werden, selbst täglich.


    Ex-Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) hatte einen Verordnungsentwurf für die verpflichtende Herkunftskennzeichnung der Primärzutaten Rindfleisch und Eier in der öffentlichen und privaten Gemeinschaftsverpflegung vorgelegt, der auf heftigen Widerstand seitens der heimischen Gastronomie stieß.
     
    Hechenberger spricht sich gegen Zwang aus und verweist auf EU-Recht. Laut einem Rechtsgutachten beim Innsbrucker Europarechtsexperten Walter Obwexer sei derzeit eine Länder-Herkunftskennzeichnung von Primärzutaten in der Gemeinschaftsverpflegung und in verarbeiteten Lebensmitteln nur bei Lebensmitteln möglich, wo die EU-weite Lebensmittelinformationsverordnung und Primärzutatenverordnung nicht gelte.
     
    Allerdings könne nationals eine verpflichtende Herkunftsangabe bei Rindfleisch und -erzeugnissen, Eiprodukten und bei Obst sowie Gemüse eingeführt werden. Bis dato sehen Branchenvertreter aussagekräftige Speisekarte als „No-Go“. Der „praktizierende Bauer“ Hechenberger  (40 Milchkühe) selbst plädiert nachdrücklich für Freiwilligkeit. Den Grünen geht das nicht weit genug. „Viele Gastronomen wollen das auch!“ kontert Kollegin Nessler. Die Unkenrufe von einem „Bürokratiemonster“ weist sie zurück. „Ein Scheinargument!
     
    Auf der Speisekarte könnten jederzeit alle Angaben vermerkt werden, selbst täglich. „Der Aufwand, hält sich sehr in Grenzen“. Es überwiege der Benefit. Es würde für die Konsumenten Sicherheit bedeuten und die Genusslandschaft Österreich stärken.
     
    Die Pandemie hat uns alle sehr gefordert“ gab Hechenberger zu bedenken und verwies vor allem auf die eben erst wieder anlaufende Gastronomie. Positiv habe er aus der Krise mitgenommen, dass sich das Bewusstsein für Lebensmittel, deren Sicherheit und Qualität bei vielen Menschen drastisch verstärkt habe. „Das Interesse an Direktvermarktung ist massiv gestiegen“. Ein Ziel sei aktuell die Stärkung des direkten Kreislaufs zum Konsumenten. „Dafür muss man die Rahmenbedingungen für Erzeuger und Konsumenten schaffen!“.
     
    Ein Beispiel sei die Tatsache, dass sich Landwirte bei der Schlachtung am Hof den obligaten, teuren Tierarzt teilen. „Es ist hier einiges in Bewegung. Einen wichtigen Pflock haben wir eingeschlagen“. Ihm sind vor allem Tiertransporte in EU-Drittstaaten ein Dorn im Auge. Und die Ganzjahres-Anbindehaltung von Rindern hält er für „kein Modell der Zukunft“. Grundsätzlich ortet er einen Kurswechsel in Richtung „näher, kleinere Einheiten, dichter am Produzenten.“ Gerade in Tirol, wo Tourismus, Landwirtschaft und Genuss oft untrennbar mit einander verknüpft sind, kann dies ein Win-win-win-Situation bedeuten. Nicht zuletzt, weil hier Bauernfamilien In vielerlei Hinsicht die Grundlagen für den Sommertourismus legen.
     
    Die direkt vor der Tür hergestellten Produkte können Gästen und Konsumenten in verlässlich hoher Qualität angeboten werden. „Gesetzliche Grundlagen dürfen aber kein Schnellschuss sein!“. Eine stets aktuelle Deklaration auf der Speisekarte müsste etwa sorgfältig kontrolliert werden.

    Lange Transportwege verursachen nicht nur unnötiges Tierleid, sie tragen zusätzlich signifikant zum Klimawandel bei.


    Viele Konsumenten würden sich derzeit für die Thematik interessieren und im Zweifel mehr für weniger Tierleid bzw. nachhaltigere Produkte bezahlen. Dass selbst das Käfigei immer noch kein Relikt aus vergangen Zeiten darstellt und zum Beispiel sehr oft den Weg in Weihnachtsbäckerei findet, wissen viele Kunden gar nicht. Es mangelt immer noch am Bewusstsein.
     
    Barbara Nessler verwies - auch in ihrer Eigenschaft als Tourismus-Sprecherin - auf das Potenzial einer umfassenden Qualitätssicherung und stellte klar: „Importiertes Billigfleisch wird ja trotzdem nicht verboten! Der Gast soll aber eine bewusste Entscheidung treffen können“.
     
    Beide plädieren für intelligente Modelle, die auch zum Image des Landes als Ganzes beitragen können. Green Washing dürfe das allerdings nicht bedeuten. Josef Hechenberger fungiert auch als Tiroler Landwirtschaftskammer-Präsident und möchte gerade in Sachen Fleisch eine „Head-to-Tail“-Mentalität fördern. „Nicht nur die so genannte Edelteile sollten vermarket werden!“. Den aktuellen heimischen Fleischkonsum (durchschnittlich 63 kg pro Person, Anm.) findet er „fast abartig“. Auch wenn er betonte, dass „jedem Bauern das Tierwohl wichtig“ , müsse ein fairer Wettbewerb herrschen. Mittelfristig sieht er viel Potenzial – umzusetzen „Step by Step“. Ob sich konkrete Verbesserungen noch in dieser Legislaturperiode umsetzen lassen werden, ließen beide offen.
     
    Überein stimmen sie in der Ansicht, dass das Thema Ernährung im heimischen Bildungsbereich viel stärker vermittelt werden sollte. „Jemand zahlt immer die Kosten für Billigfleisch!“, so Nessler. Lange Transportwege verursachen nicht nur unnötiges Tierleid, sie tragen zusätzlich signifikant zum Klimawandel bei. „Regionale Betriebe müssen gestärkt werden“, so die zwei unisono. Dabei müsse darauf geachtet werden, dass die Wertschöpfung in der Gegend bleibt, so Nessler. Bei Chalet-Dörfern zum Beispiel sei dies selten der Fall.

    Die heimische Gastro könnte den Neustart nutzen und als Vorreiter fungieren


    Ob und wann die Pflicht für Wirte kommt wird sich wohl in den kommenden Monaten entscheiden. Die heimische Gastronomie könnte jedenfalls massiv davon profitieren. Der ehemalige Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) hatte alle im Europarecht chancenreichen Lebensmittel-Kennzeichnungsschritte umsetzen wollen und sich „an den Empfehlungen mit den größten Erfolgsaussichten orientiert“. Es könnte rasch gehen – oder sich ziehen wie ein Strudelteig.
     
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    Ohne Lebensmittelhersteller in die Pflicht zu nehmen wird es auch nicht gehen. Ein Aspekt bleibt die lückenlose Nachverfolgung der Lieferkette. Landwirtschaftsministerin Elisabeth Köstinger (ÖVP) konnte sich bisher eine Länder-Kennzeichnung für Rindfleisch- und Eierprodukten bei Restaurants und Gasthäusern nicht vorstellen, auch wenn die Volkspartei immer wieder Billigstpreise und unfairen Wettbewerb aus dem Ausland bemängelt. Tatsächlich gibt es viel Abstimmungsbedarf mit Brüssel – aber die notwendigen Schritte sind durchaus machbar. Die heimische Gastro könnte den Neustart nutzen und als Vorreiter fungieren, der die Stimme der Bürger aufgreift und die regionale Wirtschaft stärkt. Transparenz für den Kunden kann ein Meilenstein in Richtung nachhaltigere Landwirtschaft sein.

    Du bist, was du isst: Informationen zu Preis und Qualität - für alle zugänglich – gestatten als ein wesentliches Kennzeichen der freien Marktwirtschaft einen echten Vergleich der Produkte und eine kompetente Entscheidung. Wer Nahrungsmitteln konsumieren möchte,  deren Herstellungsmethode in Österreich bereits aus Tier- oder Umweltschutzgründen verboten wurden, wird dies vermutlich bis auf weiteres tun können. Es soll aber nicht unbeabsichtigt geschehen. Die Schweiz setzt auf eine recht unbürokratische Kennzeichnung: Seit 1995 müssen nur jene Produkte mit einem standardisierten Hinweis gekennzeichnet werden, die NICHT den heimischen Standards entsprechen.




    Barbara Nessler, geboren 1991, ist seit 2019 als Abgeordnete zum Nationalrat für die Grünen tätig und ehrenamtliche Sprecherin der Grünen im Bezirk Innsbruck. Sie ist Mitglied in den Ausschüssen für Familie und Jugend, für Tourismus und für Unterricht.

    Josef Hechenberger, geboren 1974, ist seit 2019 als Abgeordneter zum Nationalrat für die Volkspartei tätig. Er ist außerdem Präsident der Landwirtschaftskammer Tirol und ehrenamtlicher Ortsparteiobmann der ÖVP Reith im Alpbachtal.

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